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Madeira

Madeira

Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren,
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08.07.15 19:01
Strelizia 

Madeira-Strelitzie

Re: Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren

Hallo Friedl,

als „Canico – Fanatiker“ (im positiven Sinne) finde ich die alten Bilder traumhaft, da sie die Ursprünglichkeit des idyllischen Fischerdorfes widerspiegeln.
Darf ich fragen, woher die Bilder stammen und ob es noch mehr Aufnahmen gibt?
Diese Bilder wären eine Bereicherung für die Rubrik Madeira Einst und Jetzt - Canico.

Viele Grüße
Strelizia

08.07.15 19:18
Friedl

nicht registriert

Re: Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren

Servus Strelizie !
Die Bilder stammen aus dem Familienalbum. Zum Beitrag von Tiago dachte ich mir dass sie ganz passend wären.
Wenn es wieder einmal so gut passt kann ich ja noch nachlegen.
lg
F.

Noch eine kleine Draufgabe aus der Reis Magos Serie:



Zuletzt bearbeitet am 08.07.15 19:23

08.07.15 20:16
Strelizia 

Madeira-Strelitzie

Re: Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren

Hallo Friedl,

ich möchte die Rubrik „Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren“ nicht verwässern, trotzdem stelle ich noch eine (neugierige) Frage.
Man sieht auf den grandiosen Aufnahmen kein Hotel weit und breit und somit dürften die Aufnahmen älter sein als aus den frühen siebziger Jahren. Kannst Du mir / uns das etwaige Jahr der Aufnahmen schreiben?
Jedenfalls sind Deine Bilder ein echter Schatz und die danke Dir, dass Du sie aus dem Familienalbum veröffentlicht hast.

Liebe Grüße
Strelizia

15.07.15 15:59
Torwarttrainer 

Madeira-Levkoje

Re: Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren

von trübem Wein,
reißendem Wasser
und
exklusivem Nachtlager

Boa tarde

Zum Einlaufen, für uns Wanderer von der Bergstraße, ist die Levada do Castelejo das richtige Maß. Ab Cruz, hier parken wir das Mietauto bei Senhora Curacao, einer Schwester von Senhor Carlos, bis zur Madre ist für Silvester ein Stück Heimat. Hier verbrachte er seine Kindheit, bevor er zum Liceu und danach zur Ausbildung bei der Stadtverwaltung in Funchal, zu seinem Onkel umziehen musste. "Hier, dieses Feld gehört unserer Familie," erklärt er uns. "Diese Stufen am Hang habe ich mit meinem Bruder in jedem Frühjahr wiederherstellen müssen. Der Regen schwemmte, in den Wintermonaten, viel Mutterboden nach unten, so dass eine Bepflanzung nicht angebracht war." Wir steigen hinab zum Curral in dem, noch heute, eine einzige Kuh seiner Eltern steht. Zwei Ziegen, mit einem Seil am Pflock befestigt, weiden außerhalb und lassen sich von uns streicheln.
Die Levada ist wirklich eine der leichteren. An einigen Stellen ausgesetzt (ohne Seilsicherung) an anderer Stelle die Levadamauer etwas abgebrochen, ist diese Strecke gut zu bewältigen. An der Fassung setzen wir uns auf die großen Steinen und stärken uns, mit dem Mitgebrachten, für den Rückweg.
Die Eltern von Silvester erwarten uns schon mit einem Vesper, von allem was das Haus zu bieten hat, sehr schmackhaft und ausreichend. Nur der Wein fehlt. Selbstverständlich frage ich danach und bekomme von Senhor Isidro folgende Auskunft: "Unser Vinho ist nicht lange haltbar, jetzt im Sommer ist er schon etwas zäh und da er nicht gefiltert wurde auch sehr trüb. So können wir ihn unseren Gästen nicht mehr anbieten." "Was machen Sie mit dem Wein, trinken Sie noch selbst davon? Wenn ja, so trinken auch wir", antworte ich. Eva stimmt mir zu. Wir verbringen einen lockeren Spätnachmittag unter einer Laube an der Levada do Castelejo.

"Was habt ihr, Tiago und du, am kommenden Wochenende geplant?", wird Eva von Umberta, beim Frühstück am Donnerstag gefragt.
"Nach der Wanderung von gestern an der Levada do Castelejo, möchte Silvester und seine Frau, morgen mit uns eine große Tour gehen. Für den Samstag und den Sonntag haben wir noch keine Pläne besprochen", gibt Eva ihr zur Antwort.
"Das scheint ja zu passen", sagt Umberta. "Wir laden euch ein zu einem zweitägigen Ausflug nach Ponta Delgada, mit einer Übernachtung am Ort. Näheres besprechen wir am Abend wenn Jose zu Hause ist."
"Schön, das können wir gemeinsam unternehmen. Ich denke dass auch Tiago zustimmt", antwortet Eva. "Für heute ist zunächst kleine Wäsche und Spaziergang auf den Pico dos Barcelos angesagt."
"Wenn du nur Handwäsche hast, gib sie meiner Mutter, Senhora Bela, sie wäscht immer Donnerstags am Waschstein unsere Kaltwäsche. Du kennst ja inzwischen wie wirksam unsere Madeiraseife ist", empfiehlt Umberta.
"Übrigens ist der Donnerstag seit jeher schon Waschtag gewesen. Schon wir Kinder gingen mit den Frauen zum Ribeiro. Oberhalb der Ponte do Sao Roque wurde gewaschen, auf den großen Steinen die Wäsche zum Trocknen und Bleichen ausgelegt."
Während Umberta dies erzählt setze ich mich zu ihnen an den Tisch.
Umberta spricht weiter von reißendem Wasser, dass nach heftigem Niederschlag in den Bergen, nicht nur Wäsche, sondern auch Behausungen der Ärmsten, die im Flussbett wohnten, fortgeschwemmt wurden. Ja, es hätte auch schon Vermisste und Tote gegeben.

Am Samstag geht es schon in der Früh los, haben wir doch einen weiten Weg vor uns. Wir fahren den Anderen, die mit drei Autos unterwegs sind, hinterher. Wir fahren über Poiso, da ab Santana Senhora Fernanda, eine Schwester von Senhor Carlos und deren Mann, Senhor Rodrigo, mitfahren.
Wer die kurvenreiche Strecke und die Straßenverhältnisse kennt, weiß dass wir einige Stunden bis Ponta Delgada unterwegs sind. Mit dem vollbepackten PKW hinter einem Lastwagen oder dem Linienbus herschleichen, schwer überholen können, zu wenig PS unter der Motorhaube, da ist Geduld gefragt.
Eva sitzt hinten rechts, Pedro hinter mir und Senhor Carlos, sein Opa, auf dem Beifahrersitz. Den Hut natürlich auf dem Kopf, auch sehe ich dass sich sein Schnurrbart ständig leicht bewegt. Was geht in diesem erfahrenen Mann vor? Ist es die Vorfreude auf Festa do Senhor Bom Jesus?
Senhor Carlos erzählt dass, in manchen früheren Jahren, oft bis nahezu dreißig Personen, Erwachsene und Kinder, aus seiner Nachbarschaft, zu diesem Fest aufgebrochen sind. Alle hätten, das ganze Jahr über, in eine Kasse einbezahlt um genügend Autos mit Fahrer anmieten zu können. Verpflegung für unterwegs und Getränke wurden, genau wie heute, mitgeführt. Immer schon am Samstag hin und Sonntags nach der Messe zurück.
Auf meine Frage, wie und vor allem auch wo denn die Übernachtung vorgesehen ist, bekomme ich, wie schon von Jose, nur eine ausweichende Antwort.

Na endlich, nach einem längeren Aufenthalt in Santana, erreichen wir, am späten Nachmittag, unser Ziel.
Es scheint als wäre die gesamte Bevölkerung der Insel hier versammelt.
Die Gemeinde hat scheinbar für alles vorgesorgt.
Die Grillstellen sind schon nahezu bereit den Espetada zu garen.
Die Bäcker formen die Laibe für Bolo do Caco.
Der Vinho de Mesa ruht noch gekühlt in den Behältern.
Die Musikkapelle, auf dem Pavilhao vor der Kirche, spielt ihre Stücke. Mal zu laut, mal einfühlsamer.
Die vielen Kinder finden Gelegenheit zu spielen was ihnen gefällt.
Bekannte, die sich schon lange nicht mehr gesehen haben, umarmen und küssen sich zur Begrüßung.
Rundum, ein Fest, das erlebt, das ganz einfach mitgefeiert werden muss.

Nach dem feierlichen Hochamt, am späteren Abend, bei dem die Kirche und der Platz davor, von Gläubigen, überfüllt ist, beginnt für einige der Besucher der scheinbar wichtigste Teil.
An vielen Stellen im weiten Rund ertönt Musik.
Handgemachte Musik.
Frauen, Kinder und auch einige Männer tanzen und singen dazu.
Von überall her erklingt Bailinho da Madeira und die Folkloregruppen haben jetzt ihre hohe Zeit.

Schon ist der Samstag Vergangenheit, ich frage Jose nach unseren Frauen und seinen Kindern.
"Die sind alle mit Senhora Bella im Nachtlager", ist seine Antwort.
Stimmt, das Nachtlager, daran habe ich seit langem nicht mehr gedacht.
Wo werden wir schlafen?
Zunächst aber suchen wir nach Senhor Carlos.
"Ihn zu finden ist nicht schwer", meint Jose. "Wir gehen dahin wo noch Musik gespielt wird."
Ja, sicher, hier ist er dabei. Den Hut zurückgeschoben, so das graue, verschwitzte Haare auf seiner Stirn sichtbar sind, ist Senhor Carlos in seinem Element. Seine Rajao lässt er nicht ruhen. Verschmitzt zwinkert er uns zu. Sein Lächeln ist uns nur zu gut bekannt.
"Hm, da wird es spät", wende ich mich an Jose.
"Ja, auf ihn brauchen wir nicht zu warten", erwidert er. "Komm wir gehen uns ausruhen."
Nun bin ich aber sehr gespannt, wo werden wir uns "ausruhen"?
Jose führt mich zum Kirchenportal, im inneren flackern die Kerzen und schlafen viele Besucher.
Sitzend und liegend, wo gerade Platz ist, haben sie sich niedergelassen.
Auch unsere Angehörigen sind dabei. Gleich hier, seitlich am Eingang, hier ist die Luft besser, liegen sie.
Ich lege mich zu Eva, die etwas zur Seite rutscht, und versuche zu schlafen.
Sie flüster mir ins Ohr: "Gute Nacht, schlafe gut in diesem exklusivem Nachtlager."

Madeira maravilhosa

Adeus:
Tiago

Zuletzt bearbeitet am 10.01.16 00:30

16.07.15 09:22
ulrich 

Madeira-Natternkopf

Re: Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren

Wunderbar sind Deine Erzählungen von einem längst vergangenen Madeira, Tiago. Danke dafür!
Als wir Mitte der achtziger Jahre unsere Madeira-Wander-Zeit begannen, war von jener Atmosphäre, die Du beschreibst, nur noch ein schwacher Schimmer vorhanden. Immerhin ist es auch uns passiert, dass wir von fröhlichen Grill-Gesellschaften zu einem Glas Wein eingeladen wurden, wenn wir - schwer mit Rucksack und Zelt bepackt - an solchen Plätzen vorbei kamen. Im Gebirge war es damals auch noch absolut üblich, dass man, wenn man einem Bauern, Ziegenhirten oder Levandero begegnete, selbstverständlich stehen blieb und einen kleinen Plausch versuchte (was bei mir wegen mangelnder Sprachkenntnisse leider nur sehr rudimentär möglich war). Immer auch wurde eine kleine Aufmerksamkeit verschenkt ... darauf waren wir erst bei unserer zweiten Reise vorbereitet - so etwas kennt man ja hier im kühlen Germanien überhaupt nicht.
Ich bin gespannt auf weitere Geschichten von Euch.
mfg Ulrich

29.07.15 11:41
Torwarttrainer 

Madeira-Levkoje

Re: Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren

Vier Tage in Santana (Teil 1)

Schade um das Eis
Trockene Kehle
Seguir - weiterfahren

Bom dia

Auf diese Abwechslung freut sich Senhora Bela sehr.
Sie weilt gerne bei ihrer Schwägerin, Senhora Fernanda, in Santana.
In diesem Jahr soll der Aufenthalt ganze vier Tage, also drei Übernachtungen, dauern. Und das nur weil auch wir, Eva und ich, dazu eingeladen wurden.
Wobei es für uns am zweiten Tag, zum Pico do Ruivo hoch, Übernachtung in der Berghütte und am nächsten Morgen der Abstieg zu den Freunden, geplant ist.
Die Familie von Senhor Rodrigo und Senhora Fernanda lebt ausschließlich von der Landwirtschaft. Ihre Erzeugnisse übersteigen den Eigenbedarf, so dass sie den Überschuss auf dem regionalen Markt in Santana anbieten.

Die Vorbereitungen auf diesen Ausflug sind schon sehr umfangreich.
Unten, in der Stadt, wird vieles, was im Norden nötig erscheint, besorgt und eingekauft.
Die Sachen werden verpackt und bei dem Busunternehmen, die Fahrkarten mussten zuvor gekauft werden, bis zum Tag der Abfahrt gelagert.
Dabei liegt auch ein Büschel Bananen aus dem Anbau unserer Gastgeber.

Am Tag vor der kleinen Reise, sind Eva und ich mit Senhora Bela noch einmal in Funchal.
Wir kaufen noch Bacalhau, ebenfalls als Mitbringsel.
Beim abschließenden Spaziergang an der Avenida do Mar genehmigen wir uns noch ein Eis, das wir während dem Gehen genüsslich lecken.
Wir hören plötzlich Senhora Bela, die nach uns geht, rufen: "Meu Gelado, merda", drehen uns um und sehen wie sie sich bückt, die Eiskugeln aufhebt und wieder in ihre Waffel drückt.
Noch heute wird in der Familie darüber gesprochen und sich köstlich amüsiert.

Am nächsten Morgen fährt Jose, uns vier, mit seinem Auto zur Busgarage, beim Jardim Municipal.
Senhor Carlos überprüft noch einmal unsere drei Pakete, die dann, zu dem jungen Schaffner, auf den Dachgepäckträger hoch gereicht werden.
Der junge Mann schließt die Türen ruft "seguir" und los geht’s.
Als alle Fahrgäste sitzen, wobei immer der Platz beim Fahrer frei bleibt, fährt der Bus pünktlich, in Richtung Monte, Poiso, los.
Für uns Linienbusfahrgäste aus der Oberrheinischen Tiefebene ein wahres Erlebnis.
Was soll ich über die Straßen sagen?
Ein Traum?
Ein Alptraum?
Eng, kurvig, steil, überfüllt.
Für den Fahrer wie auch für den Bus Schwerstarbeit.
Die Pause auf Poiso haben sich beide redlich verdient.

Was mag denn nur mit Senhor Carlos sein? Er sitzt jetzt schon nahezu zwei Stunden ruhig an der Seite seiner Frau.
Schläft er etwa? Weit zurückgelehnt, Rajao im Arm, den Hut über den Augen, ein friedliches Bild.
Senhora Bela faltet die Hände vor ihrer Brust und nickt zustimmend.
Kaum hat der Fahrer den Bus eingeparkt erwacht Senhor Carlos, sieht sich um und sagt zu mir: "O Pescoco esta seco."
Mit diesen Worten fordert er uns zum mitkommen auf.
Gemeinsam gehen wir in das Haus am Pass.
An der Theke stehen schon einige Fahrgäste und erfrischen sich mit einem Getränk.
Der Mann hinter dem Tresen ist mit der Zubereitung einiger Ponchas beschäftigt.
Hmm, schmeckt lecker, aber sehr stark.
Hier oben wird der Poncha während der kalten Winterwochen auch heiß serviert.

An der Haltestelle Ribeiro Frio wird, von dem Fahrer, ein kleiner Postsack, aus dem Fenster, an eine dort wartende Frau gegeben.
In Faial steigen drei Personen aus, sie bekommen von dem Schaffner ihre Pakete vom Dachgepäckträger gereicht.
Darunter ist auch ein etwas größerer Postsack und nach dem obligatorischen "seguir" beginnt der kurvenreiche Anstieg nach Santana.
Dort, vor der Igreja, kommen wir, nach über vier Stunden Fahrt, um etwa 12:30 Uhr an.
Senhor Rodrigo und sein ältester Sohn Fermino erwarten uns schon.
Mit unseren Paketen auf den Schultern laufen wir abwärts zu ihrem Anwesen und zu Senhora Fernanda.

Madeira maravilhosa

Ende: Teil 1

Adeus:
Tiago

Zuletzt bearbeitet am 10.01.16 00:36

30.07.15 20:56
Hans 

Madeira-Levkoje

Re: Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren

Hallo Tiago,

die Forumsgemeinde hatte schon leichte Entzugserscheinungen weil wir so lange auf deinen nächsten Beitrag warten mussten.

Lass uns nicht wieder so lange warten.

Servus
Hans

03.08.15 23:04
Torwarttrainer 

Madeira-Levkoje

Re: Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren

Vier Tage in Santana (Teil 2)

tief traurig
äußerst luftig

Boa noite

Senhora Fernanda hat, mit ihrer Schwiegertochter Salome, für Eva und mich ihr Casa do Colmo hergerichtet.
Schön zwei historische Räume, ein Blumengarten, nur für uns.
Alle anderen wohnen in dem großen Steinhaus, in dem auch die Küche und Nassräume untergebracht sind.
Senhor Rodrigo drückt drei Äpfel in die grünen Bananen und hängt den Büschel in seinen Schuppen.
Er und Senhor Carlos begutachten den Gemüseanbau und die Reben, die hier im Norden auf dem Boden liegen und erst kurz vor der Traubenlese angehoben und aufgestockt werden.
Die Frauen versorgen den Bacalhau, ein Teil davon wird gewässert, die größere Menge in einer Kammer zurückgelegt.
Die anderen mitgebrachten Dinge, wie Reis, Nudel, Öl, Stoffe, Kleiderknöpfe, Seife, auch eine Bratpfanne werden begutachtet und aufgeräumt.
Fermino bietet sich an, uns am nächsten Morgen mit, seinem Auto, welches er gleich von der Reparatur abholen geht, zum Pico do Arieiro zu fahren.
Salome und er haben einen wichtigen Termin in Faial wahrzunehmen und diese Fahrt ist für Madeirenser kein großer Umweg.
Schön, dieses Angebot nehmen wir dankend an.
Erspart es uns doch die Bestellung eines Taxis.
Nach dem Abendessen, es sind ausschließlich eigene Erzeugnisse aufgetischt, sitzen alle vor dem strohgedeckten Häuschen.
Die Männer machen Musik, die Frauen singen und sticken, die Kinder spielen, und wir?, wir sind andächtig und begeistert ob solcher Harmonie.

Aus dem Dunkeln tritt plötzlich schüchtern, barfüßig und zitternd ein kleiner Mann an den Tisch.
Dass er es nicht gewohnt ist Schuhe zu tragen, sieht man an der dunklen und dicken Hornhaut die seine Fußsohlen bedeckt.
Der abendliche Besucher übergibt dem Hausherrn einen weißen Umschlag und, noch bevor ihm ein Glas Wein angeboten werden kann, verschwindet er wieder.
Die Musik, der Gesang ist verstummt.
Die fröhliche Unbeschwertheit einer tiefen Betroffenheit gewichen.
Nur die Kinder sind weiterhin ausgelassen bei ihrem Spiel.

Senhora Fernanda und Senhor Rodrigo erklären sich zu dem merkwürdigen Vorfall am heutigen Abend.
"Der Mann wohnt mit seiner Frau ganz in unserer Nähe.
Fleißig und rechtschaffend bearbeiteten sie ihre Felder und verdienten sich mit Lohnarbeit so manchen Escudo hinzu.
Das einzige lebende Kind, ein Sohn, wollte der Armut entfliehen und zu Bekannten nach Südafrika auswandern.
Dazu fehlten allerdings einige tausend Escudos für die Überfahrt und den Start in Durban.
Mit dem Anliegen auf einen Kredit, den der Sohn, in monatlichen Raten durch Überweisung abzahlen wollte, sind sie zu uns gekommen.
Auf Grund der Verbundenheit unserer Familien haben wir dem Antrag zugestimmt.
Alles ist gut gelaufen, erfreulich gut sogar.
Nach einer Anstellung im Transportgewerbe hat er sich als Fachmann im eigenen Umzugsunternehmen einen Namen gemacht.
Die Ratenzahlungen sind pünktlich eingetroffen, wobei er diese nach gut einem Jahr etwas angehoben hat.
Inzwischen war der Kredit schon zu etwa zweidrittel getilgt.
Er heiratete dort und seine Frau erwartete ein Kind.
Auch seine Eltern hier waren überglücklich.

Dann im größten Glück, ein schrecklicher Unfall.
Eltern und Ungeborenes wurden bei einem Überfall getötet.
Ab dieser Zeit stottert der Vater, die Mutter ist schwermütig.

Fernanda und ich hätten auf die weitere Rückzahlung, in Anbetracht dieser Tragödie, gerne verzichtet.
Was aber von den Paar abgelehnt wurde.
Aus diesem Grund kommt es immer wieder zu solcher Begebenheit, wie die heutige.
Wir sparen das Geld, möchten es irgendwann der Familie zurückgeben.
Schon einmal haben sie es nicht angenommen.
Deshalb haben wir nun den Bürgermeister und den Pfarrer mit der Angelegenheit vertraut gemacht.
Wir hoffen dass es in unserem Sinne und zur Entlastung des Ehepaares kommt."

Am nächsten Morgen.
Während ich noch einmal in das Schlafzimmer zurück gehe, um mein Fernglas zu holen, geht Eva schon voraus, zu dem Steinhaus, vor dem sie von Salome und
Fermino erwartet wird.
Nun endlich bin auch ich an dem Auto angekommen.
Auto?
Dieses ist ein Pritschenwagen.
Genau genommen ein Dreirad-Pritschenwagen mit offener Ladefläche.
Im Führerhaus ist nur für drei Personen Platz.
Deshalb, wer zuletzt kommt muss sehen wo er bleibt.
Das heißt also für mich, mit dem Rucksack, ab nach hinten.
Und los geht die Fahrt.
Na ja, bequem ist anders.
Dafür habe aber ich die bessere Aussicht und die frische Luft.
Windig, kühl, aufregend, ein Erlebnis der besonderen Art.
Nun weiß ich auch weshalb Ribeiro Frio, Ribeiro Frio heißt.
Halb erfroren, durchgerüttelt, was noch?, vor der Pousada do Arieiro ist die Marter beendet.
Mir scheint dass die Kraxelei zum Pico Ruivo angenehmer wird.

Madeira maravilhosa

Ende: Teil 2

Adeus:
Tiago

07.08.15 13:15
ulrich 

Madeira-Natternkopf

Re: Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren

Sehr anschaulich und lebendig sind Deine Schilderungen. Ich weiß nicht, ob es heute noch üblich ist, dass der Bus am Poiso anhält und alle Leute einen Poncha trinken (wir haben das auch noch erlebt). Es spiegelt die Gelassenheit und die Ruhe dieser Zeit in beeindruckender Weise wieder - man hatte einfach Zeit.
An eine Fahrt auf einem Pritschenwagen (wir waren vom Arieiro mit unserem Zelt und Rucksack unterhalb des Poiso-Passes angekommen, um in Funchal Proviant zu fassen und einmal im Bett zu schlafen), erinnere ich mich auch. An der Straße angekommen, nahm uns gleich der erste Wagen mit. Auch wir saßen auf der Pritsche und Rucksack sowie wir Zwei wurden auf der kurvenreichen Straße kräftig durchgeschüttelt und immer wieder von einer auf die andere Seite der Ladefläche geworfen. In Funchal angekommen, sahen wir dann, warum wir auf der Ladefläche so gut gerutscht waren: Der Fahrer hatte offenbar ziemlich matschiges Gemüse (oder Früchte) transportiert und unsere Rucksäcke/Kleider mussten anschließend im Miniwaschbecken unseres (primitiven) Hotels mühsam gereinigt werden. Solche Erlebnisse gehörten damals einfach dazu und ich möchte sie in meiner Erinnerung nicht missen.
mfg Ulrich

P.S. Ich freue mich auf weitere Schilderungen von Dir.

10.08.15 22:23
Torwarttrainer 

Madeira-Levkoje

Re: Persönliche Erinnerung aus den frühen siebziger Jahren

Vier Tage in Santana (Teil 3)

Zwei Pakete Zucker
die Stille hören
Saudade

Boa noite

Dieser Aufstieg wird wohl zum Pico Ruivo führen?
Welch ein Aufatmen, vor uns ist das Berghaus zu sehen.
Die anstehende Übernachtung haben wir im Casa do Turismo, in der Avenida Arriaga, gebucht.

Die zwei Pfund Zucker, die Fermino uns am Pico do Arieiro gegeben hat, geben wir an den Hüttenwart weiter.
Dieser ist der Vater des Autoschlossers, bei dem das Dreirad von Fermino zur Reparatur war.
Senhor Celestino, er möchte Tino genannt werden, ist schon seit mehr als zehn Jahren, hier oben und für alles was so anfällt zuständig.
Eigentlich hat er, nach seiner Rückkehr von England, wo seine Frau unterwartet starb, nur zur Aushilfe angefangen.
Woraus dann, nach etwa sechs Monaten, die Dauereinstellung beim Fremdenverkehrsamt wurde.
Senhor Celestino wird nur über die Wochenende, von einem jungen Paar, ebenfalls aus Santana, abgelöst.
Tino erzählt gerne, was bei der Einsamkeit hier oben auch verständlich ist.
Er spricht über die Hühner, das Wetter, die Touristen, den Berg aber auch über seine Familie.
Sein Bruder unterschrieb 1948 einen Arbeitsvertrag auf der Insel Jersey, wollte dort drei Jahre bleiben, um nach der Rückkehr einen Einzelhandel in Sao Jorge zu übernehmen.
Er lernte aber dort eine Engländerin kennen, gründete mit ihr eine Familie, eröffnete eine kleine Pension und denkt nicht mehr an ein Zurück nach Madeira.

Nach einer Erholung und dem mitgebrachtem Vesper gehen Eva und ich auf den Gipfel.
Eine fantastische Fernsicht, nur vereinzelt liegen Wolkenfetzen im Süden unter uns.
Ruhe.
Nur wir beide.
Ruhe, so richtig zum genießen.
Ist es möglich die Lautlosigkeit zu hören?
Wir gehen noch etwas in Richtung Boca da Encumeada kehren aber schon bald wieder um, denn die kommende Nacht wird sehr kurz für uns werden.

Tino zeigt uns den Schlafraum, eher eine Zelle, mit einem schmalen Etagenbett, gegenüber der Tür ein kleines Fenster darunter ein Tisch, mehr ist nicht in dem Zimmer.
Tino kocht in der Küche eine Suppe, Kürbisstückchen, Süßkartoffel, Tomaten, Zwiebel mit Hühnchenfleisch und stellt drei Teller auf den Tisch. Andere Gäste kommen heute nicht mehr.
Nach dem Essen erzählt uns Tino von sich und das tut er gerne.
Aufgewachsen ist er in Santana als zweiter Sohn mit drei Schwestern auf dem familieneigenen Grundstück. Der Vater verdingte sich als Landarbeiter im Anwesen der nachbarlichen Quinta.
Die Mutter versorgte den eigenen Haushalt, Kinder, Tiere und das bisschen Feld unten am Meer, das Tino noch heute besitzt.
Zehnjährig, nach drei Jahren Escola Primaria, arbeitete er zunächst mit seinem Vater zusammen.
Mit fünfzehn begann er eine Tätigkeit bei der Post, stellte zunächst Holzmasten auf, war bei Strom- und Telefonleitungen im Einsatz und half in seiner freien Zeit den Schafhirten, die Schafe in den Bergen zusammenzutreiben.
Im Gebirge lernte er nicht nur das Klettern sondern auch springen mit einem Stab über Felsspalten und -Kanten.
Auch seine spätere Frau lernte er bei der Schafschur in den Bergen kennen.
Nach fünf weiteren Jahren emigrierte er nach England arbeitete dort zunächst im Wald und dann in einem Kohlebergwerk.
Seine Frau kam nach, gebar den Sohn und sie kauften sich ein kleines Haus.
Nun kommt Tino ins stocken. Nun tut er sich sehr schwer weiter zu erzählen.
Jetzt hilft ihm nur noch seine Mundharmonika. Saudade.
Portugiese eben. Melancholie.

"Bom dia" um halb sechs klopft er an die Tür, "aufstehen ich habe Tee gekocht."
So beginnt der Donnerstag.

Madeira maravilhosa

Ende: Teil 3

Adeus:
Tiago

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